Teil 2: Mein Jakobsweg: Camino de la Costa / Norte

Teil 2: Mein Jakobsweg: Camino de la Costa / Norte

Hier der zweite Teil meines Jakobsweges, viel Spaß beim lesen und schauen.

Dritte Woche

Nach dem Tief der zweiten Woche, habe Anfang der dritten Woche meine größte Distanz zurückgelegt. Ich bin eine 43KM Etappe von Aviles bis Soto de Lunia gelaufen. Ich war überrascht, wie gut mein Körper diese lange Etappe wegsteckte. Mir wurde bewusst, wie anpassungsfähig der Körper ist. Er ist ein Wunderwerk der Natur, den man bewusst schätzen und lieben sollte. In Soto de Lunia habe ich dann plötzlich Klaudia und Marco wieder getroffen. Wir haben uns sehr gefreut, es war wie ein Wiedersehen guter Freunde nach einer langen Zeit. Die nächsten Tage bin ich abwechselnd, mal alleine mal in Begleitung gelaufen. Beides hatte seine Reize. Es war schön zu beobachten, wie die Gedanken die man immerzu wieder dachte, über zuhause und allgemeine Dinge die einen beschäftigten langsam leiser wurden. Ich habe erfahren, dass Dinge die einen beschäftigen, nicht durch Gedanken gelindert oder zuende gedacht werden können. Im Gegenteil, erst wenn die Gedanken still geworden sind, aufgehört haben sich in Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren, Emotional und urteilend, wurde richtiges sehen möglich. Es gab Momente, an denen die Gedanken einfach still waren und man klar sehen konnte, sich selbst als Person, sich im Umgang mit anderen Menschen und sich selbst. Gerade durch dieses sehen, unverzerrt durch urteilen, hat man einen anderen, neutralen Blickwinkel auf sich und seine Umwelt. In dieser vollen Gegenwärtigkeit, war eine tiefe Zufriedenheit in einem, die nicht von äußeren Umständen abhängig war. Jedoch verflog dieser Zustand sobald sich die Gedanken wieder einschalteten. Über diesen Bewusstseinszustand habe ich mich mit einigen Personen auf dem Jakobsweg unterhalten, unter anderem auch mit Pablo. Es war schön neue Einflüsse, Anregungen und Denkanstöße bezüglich solcher spirituellen Gesprächsthemen zu bekommen.

 Es gab Momente, an denen die Gedanken einfach still waren und man klar sehen konnte …

Die letzten Etappen bin ich mit einem Spanier namens »Manuel« gelaufen. Während unserer ersten gemeinsamen Etappe, führten wir sehr gute Gespräche. Ich wollte mich ungern zum alleine laufen »zwingen«, gerade weil ich die ersten zwei Wochen fast komplett alleine gelaufen bin, dachte ich mir, dass mir diese Gesellschaft gut tut. Er erzählte mir von einem Buch, welches er gerade schreibt, über sein Auslandssemester in Holland. Während wir liefen lauschte ich gespannt seinen Geschichten und gab ab und an einige meiner Geschichten preis. Gerade in Sachen Weltansicht, Bewusstsein, Religion, Ideologien und Dogmen konnten wir uns sehr gut unterhalten. Später kam auch eine junge Berlinerin namens »Ella« dazu. Sie passte gut in unser Duo und schloss sich uns an.

Hier einige Bilder zur Küstenroute des Jakobsweges

Vierte Woche

Langsam war man den Leuten etwas vertrauter, die man immer wieder in den Herbergen getroffen hat. Es haben sich kleine Gruppen gebildet, mit denen man dann zu Abend gegessen hat sich ausgetauscht hat über die nächste Etappe und vorallem rumgealbert hat. Nicht selten kam es vor, dass mehr als vier Nationalitäten an einem Tisch im Restaurant versammelt waren. Manuel hat sich geduldig als Übersetzer der Speisekarte zur Verfügung gestellt. Nach einer Weile hat man dann erahnen können was die spanischen Wörter auf der Speisekarte bedeuten. Der Camino del Norte trifft 100KM vor dem Ziel auf die Hauptroute, dem Camino Frances, gerade die Leute aus dem Camino del Norte, waren diesen Pilgerandrang nicht gewöhnt. Plötzlich waren die Herbergen richtig voll und man hat ständig Pilger gesehen, die man zuvor noch nicht gesehen hat. So kam es dazu, dass einige von uns eine Nachtwanderung planten, wir sind um 3 Uhr morgens aufgestanden um dann um halb 4 loszugehen. Die Strecke ging durch den Wald und man hat gemerkt, was für ein anderes Gesicht die Natur zeigt wenn es dunkel ist, nämlich gar keins. Es war stockdunkel, die Stirnlampen waren die einzige Lichtquelle. Übermüdet und viel zu früh kamen wir an in der nächsten Etappe und sahen die dortigen Pilger gerade ihre Tagesetappe antreten. Von 9–13 haben wir in der Innenstadt die Zeit mit Café und Souvenirläden totgeschlagen, bis wir dann endlich in die Herberge durften.

Am 15. Mai war es dann soweit, die letzte Tagesetappe stand bevor. Ich habe mich nicht sonderlich anders gefühlt als an den anderen Tagen. Mein Körper war Fit und unversehrt. Manuel, Ella und ich kamen Santiago immer näher, bis wir dann plötzlich in der Altstadt waren. Von weitem war ein Dudelsack zu hören, je näher ich der Kathedrale kam desto lauter wurde es. Bis ich den Dudelsackspieler, in einer Unterführung die direkt auf den Platz der Kathedrale führte, sehen konnte. Es regnete an dem Tag, jedoch lösten sich die Wolken bei meiner Ankunft auf den Platz der Kathedrale etwas auf und die Sonne schimmerte stellenweise durch. In diesem Moment war ich für mich. Ich habe mich isoliert von den Gespräche und dem Rummel der Leute drumherum. Mir war einfach nicht nach reden, ich habe mich hingesetzt und mir die Kathedrale angeschaut, die Sonne, die Pilger die sich umarmten und gratulierten. Es war banal und schön zugleich, ich dachte daran wie es mir ich die letzten 25 Tage erging, und wie ich kein Verkehrsmittel von innen gesehen habe. Mein eigener Körper und meine Beine haben mich hierhin gebracht. Ich habe eine tiefe Ruhe gespürt, die keiner Worten bedurfte. Kurz daraufhin, holten wir die Compostela ab (eine Art Urkunde, die ein Pilger am Ende seiner Pilgerreise bekommt). Das war der letzte gemeinsame Tag mit Manuel und Ella, ohne es wirklich zu wissen. Ich hatte noch fünf Tage in Santiago und dachte mir, dass ich eigentlich noch nach Finesterre laufen kann. Das Wettervorhersage war leider nicht auf meiner Seite, es war nur Regen für die nächste Woche vorhergesagt. Da ich keine Lust hatte mich gegen meinen Willen zu etwas zu zwingen, und noch weniger Lust hatte im Regen weitere 100KM in drei Tagesetappen zurückzulegen, habe ich mich nicht schwer damit getan, den Bus nach Finisterre zu nehmen. Finisterre ist ein Fischerdorf an der Küste, im Mittelalter wurde es auch als das »Ende der Welt« bezeichnet. Einige Pilger, nehmen nach Santiago die weiteren 100KM auf sich um dorthin zu gehen. Es gibt dort einen Steinvorsprung mit einem Leuchtturm drauf. Es ist brauch, dass Pilger ihre verschlissenen Sachen auf dem Steinvorsprung der Küste, verbrennen während sie den Sonnenuntergang beobachten. Die Busfahrt nach Finisterre war sehr schön, ich hatte gute Aussicht auf die ganzen Fischerdörfer und Küsten. Bei dem Trip nach Finisterre konnte ich meine ganze Reise Revue passieren lassen und war seit fast einer Woche mal wieder alleine. In der Herberge lernte ich den 58 jährigen Roger aus Kalifornien kennen, der mir davon erzählte wie sein Leben eine 180° Wendung gemacht hat im letzten Jahr. Ich hörte gespannt zu und konnte viele Dinge mit ihm teilen. Auch er schrieb gerade an ein Buch und bestärkte mich zur Umsetzung meiner Idee eines neuen Blogs (dazu bald mehr). Am nächsten Tag fuhr ich zurück nach Santiago um dort das Wochenende zu verbringen. Kurz nach meiner Ankunft lernte ich auf dem Platz vor der Kathedrale Alex aus Ingolstadt kennen. Der 27 jährige Tramper, ist den Camino Portugiese gelaufen und erzählte mir spannende Geschichten vom Trampen. Er ist mal von Ingolstadt bis in den Iran getrampt und hat die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt. Er trampt fast ausschließlich wenn er bei Reisen von A nach B kommen möchte. Wir haben ein schönes Wochenende in Santiago verbracht und uns über Zuhause, Familie und Freunde unterhalten. Am letzten Tag den ich Santiago verbrachte, habe ich von Klaudia eine Nachricht erhalten. Sie und Marco sind in Santiago angekommen. Kurz daraufhin habe ich sie in der Altstadt getroffen, die Freude war mal wieder riesig, an diesem Abend haben wir uns auf dem Platz der Kathedrale getroffen und sind später alle gemeinsam essen gegangen. Am morgen danach, machte ich mich auf dem Weg zum Flughafen und freute mich auf Zuhause meine Familie und meine Liebsten um mich herum.

Rückblickend

Viele fragen mich ob ich es nochmals machen würde, diese Frage kann ich nur mit einem klaren »ja!« beantworten. Dieser intensive Monat war eine einzigartige Erfahrung. Ich habe sehr viele schöne Orte gesehen. Ich habe sehr viele interessante und liebenswerte Menschen kennen gelernt. Ein Hauptbestandteil der Reise waren die Gespräche die daraus entsprungen sind, gerade weil man nicht Teil des sozialen Netzwerks der Leute daheim ist, bestehen kaum Hemmschwellen und es kommen ehrliche und tiefe Gespräche zustande. Kein aufgesetztes oberflächliches Gerede, sondern gute Gespräche, die ebenso gute Zuhörer erfordern, und das obwohl auch über das Wetter gesprochen wurde. Ich fand mich an wunderschönen Orten wieder, der erste Gedanke war dann oft »ich muss hier bleiben« im selben Moment wusste ich wie idiotisch dieser Gedanke ist. Ich musste weitergehen und diese schönen Orte hinter mir lassen, mit der Gewissheit, dass der Weg weitere schöne Überraschungen für mich bereit hält. Teilweise stand ich im strömenden Regen vor einem fast kniehohen Schlammpfad, ich fragte mich wie ich da nur durchgehen soll, es schien unmöglich. Jedoch war der Weg zurück fast genau so aufwendig, ich musste weiter und quälte mich durch. Als der Pfad passiert war schaute ich zurück und dachte mir, das war ja halb so wild, irgendwie ging es immer weiter, ähnlich wie im Leben. Ein neues Verhältnis wurde zu meinem Körper aufgebaut, ich bin ihm dankbar, dass er mich so weit gebracht hat und möchte ihm in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit und Dankbarkeit entgegen bringen. Ich habe einen sehr besonderen Freund noch näher kennen gelernt: mich selbst. Wer sich selbst sein bester Freund ist und sich bedingungslos liebt, der ist egal wo, nie alleine. Für einige mag es egoistisch klingen, jedoch bin ich fest davon überzeugt, das selbstliebe die Voraussetzung ist für Nächstenliebe, nicht nur Menschen gegenüber, sondern der ganzen Welt in man sich befindet, Tag ein Tag aus.

Gerade angekommen nach 700KM vor der Kathedrale
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5 Kommentare zu “Teil 2: Mein Jakobsweg: Camino de la Costa / Norte

  1. Seit ca. 2 Wochen nun bin ich wieder zu Hause. Meine Reise war zwar deutlich kürzer als deine und doch ist es ein wahnsinniges Gefühl die Orte und Blickwinkel zu sehen, die man selbst vor so kurzer Zeit noch betrachtet hat. Mir ist ein kleines lachen über’s Gesicht gehuscht als ich dein Fazit gelesen habe, denn genau dieses inbrünstige ‚Ja‘ ist es, dass auch mir jedes mal wieder über die Lippen kommt, wenn mir jemand diese Frage stellt.

    Reply
    1. Mich freut es, dass Du Dich im Fazit wiedergefunden hast. Ich bin gespannt ob Dich der Camino wieder ruft dieses Jahr. Ich war letztes Jahr (2014) für 10 Tage »spazieren« und werde es dieses Jahr im Herbst wieder machen, wenn die Umstände es zulassen. Liebe Grüße

      Reply
  2. Hey,
    Danke für deinen schönen Bericht über den Küstenweg!
    Ich werde mich auch Anfang April auf den Weg machen- was ich unbedingt dabeihaben möchte, ist so ein langer Wanderstab wie du ihn hast! Hast du dir den mitgebracht oder in Irun gekauft?
    Hat das im Flieger geklappt?
    Ich wäre dankbar für einen Tip von dir, wie ich das lange Geschütz mit nach Irun kriege oooooder ob ich vor Ort einen kaufen kann?

    Vielen Dank für deine Antwort und buen camino! 🙂
    Lena

    Reply
    1. Hallo Lena,

      den Stab habe ich auf dem Wegesrand gefunden. Wenn Du die Augen aufhälst findest Du am Wegesrand immer wieder lange Stöcker welche sich als gute Wanderstäbe eignen, besonders in den wäldlichen Regionen. Nach der ersten Woche habe ich meinen ersten Wanderstab mit einem besseren ausgetauscht, welcher mich für den Rest begleitet hat. In fast jeder Stadt kannst Du einen Stab auch erwerben, jedoch finde ich meine Variante etwas romantischer 😉 Also auf keinen Fall stressen und so einen Stab aus Deutschland mitbringen, dort wird sich schon was ergeben.

      Liebe Grüße und Buen Camino!!!

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